Salvador Dalís Illustrationen zu Dante Alighieris Göttlicher Komödie

Dies ist die revidierte Übersetzung eines 2005 als Beitrag zu dem damals von Frank Hunter geplanten
Supplement to The Official Catalog of the Graphical Works of Salvador Dalí
entstandenen Essays durch den Verfasser Wolfgang Everling, Hamburg - © www.dante-2000.de 2007

In Enrique Sabaters Katalog LAS ARQUITECTURAS DE DALÍ Edición especial para la Fundación de Cultura Ayuntamiento de Oviedo, Umberto Allemandi & Co., Turin-London (1998), ISBN 84-88951-66-3 findet sich als Nummer 176:

"Originals for Vogue Magazine inspired by the theatre works As you like it (Rome), Salomé (London) and Don Juan (Madrid), 1949-1950, 48 x 79 cm." Dalís Handschrift unten rechts erwähnt zum ersten Mal seine Dante-Illustrationen.

Transskription
Dalí   Exclusif reportage pour Vogue, de son activité en 1949
As you like it Luguino Visconti, subencione par l'état -
Don juan Tenorio Teàtro Nacional, Luis Escobar
ilustrationes Divine comédie - Poligrafico del Estato -
Solome Roayol Coven Garten, Pitter lorne
Übersetzung
Dalí   Exclusiver Bericht für VOGUE über seine Aktivitäten in 1949
As You Like It Luchino Visconti, mit staatlicher Unterstützung
Don Juan Tenorio Nationaltheater, Luis Escobar
Illustrationen zur Göttlichen Komödie Istituto Poligrafico dello Stato, Roma
Salomé Royal Covent Garden, Peter Brook

Außer Bühnenbildern der genannten Aufführungen skizziert die Abbildung den Maler in zwei Situationen:
- bei der Arbeit am Gemälde Madonna de Port Lligat, und
- knieend bei der Audienz 1949 vor dem Papst, dessen Ring er küsst und dem er sein Gemälde in der kleinen Fassung auf einem Stuhl präsentiert.
Bei dieser Audienz bemühte Dalí sich vergeblich um Dispens zur Scheidung Gala Eluards, um sie selber zu heiraten. Wahrscheinlich sollten die Dante-Illustrationen diese Bemühung ebenso unterstützen wie das religiös motivierte Gemälde und mehrere andere aus jener Zeit, die er später seine 'italienische Kampagne' nannte. Pläne für Dantes 700-sten Geburtstag 1965 wären 1949 wohl verfrüht gewesen...
Im New Yorker Interview mit J.M. Massip, das Mai 1950 unter dem Titel 'Dalí heute' in Barcelonas Destino Nr. 660 erschien, sprach Dalí über seinen Wandel vom Atheisten zum gläubigen Mystiker. Auf die Frage nach weiteren Arbeiten nannte er die Divina Commedia ein Buch, das seine Leidenschaft erweckt habe. Die Arbeit an den Illustrationen, die alle schon vor seinem geistigen Auge stünden, sei ein Werk, das "ihn bis zur Besessenheit anziehe, weil er bei ihm den beiden Aspekten seines eigenen Lebens begegnet sei. Er denke die Arbeit in Cadaques während des Sommers abzuschließen."
Erst etwa zwei Jahre später waren 102 von 200 geplanten Aquarellen entstanden, deren Signaturen mit Jahren zwischen 1950 und 1952 datiert sind. Ihre Größe war etwa DIN A3 mit wenig Rand. Sie wurden bei Ausstellungen 1954 in Rom, Venedig, Mailand und 1955 in New York gezeigt. Ein damaliger Katalog schrieb zusammenfassend von 102 Illustrationen zur Commedia. Nur zwei wurden mit einem Titel erwähnt: das Rhinoceronte in disintegrazione mit Maßen wie für einen Buchumschlag, und eine Art Titelbild Dante, das sehr an Raffaels Parnasso erinnert.
Bei den italienischen Ausstellungen wurde mit einer Mappe für eine illustrierte Buchausgabe der Commedia geworben. Sie enthielt sieben originalgroße lithographische Reproduktionen der italienischen Staatsdruckerei (Nr. 32 als Außentitel, 27 und 36, 69 und 70, 84 und 94), dazu die Texte der drei Gesänge Inferno XXVII, Purgatorio XXIII und Paradiso IX sowie ein mit September 1952 datiertes Vorwort des Dante-Kenners Luigi Pietrobono. Dieser schreibt über einen Illustrator von Rang, nennt aber nicht Dalís Namen. Reynolds Morse notierte, Mappen und Ausstellungen hätten helfen sollen, einen Geldgeber für das Riesenwerk zu finden. Diese Suche blieb erfolglos.
Die missverstandene Zuordnung von Bild 36 zu Inferno XXVII, 70 zu Purgatorio XXIII und 94 zu Paradiso IX bestand also schon vor 1954. Sie wurde 1960 von Forêt nur übernommen. Dass Bild 27 richtig dem Inferno XXVII zugeordnet war, ist bloßer Zufall.
Kunstkritiker der italienischen Presse urteilten damals, Dalí sei "zu sprunghaft und wählerisch, um sich wirklich auf einen gemalten Kommentar zur Commedia einzulassen".
Beim Druck der Illustrationen zum Tricorne 1959 lernte Dalí eine Technik des Vielfarbendrucks von sehr genauen, verkleinerten Reproduktionen seiner Aquarelle kennen. Eine Maschine aus der Fabrik Nebiolo in Turin/Italien ermöglichte es, auf Holzblöcke montierte Kunstharztafeln, eine für jeden Farbton, im erhabenen Teil zu färben und exakt übereinander zu drucken. Auch Drucke der einzelnen Tafeln und ihrer fortschreitenden Überlagerung wurden als Dekompositionen zusammengestellt.

J. Estrade (r.) (Photo Everling 1999)
Durch Vermittlung von Joseph Forêt übernahm 1959 der französische Verlag Editions d'Art LES HEURES CLAIRES diese Technik und die Finanzierung einer Divine Comédie mit Dalís Illustrationen. Sein Logo ist eine Sonnenuhr, die nur DIE HEITEREN STUNDEN zeigt. Er hatte seit den 1940-ern illustrierte Klassiker herausgegeben. Von damals drei Direktoren starb der letzte, Jean Estrade, 2005 in Paris.
Hundert der Aquarelle außer La Danse (Nr. 69) wurden auf 60% (also weniger als DIN A4) verkleinert reproduziert. Bei einem ersten Versuch wurden 165 Sätze einfarbiger, dunkelblauer Kupferätzungen von Makart gedruckt. Die in Katalogen meistens diskutierten, späteren farbigen Pariser Buchdrucke geben einen sehr zuverlässigen Eindruck von den Aquarellen. Im Vergleich zu ihnen sind die italienischen Lithographien eher grob zu nennen.
Jedes Buch enthält eine Arbeitsbeschreibung. Zwischen 1959 und 1963 entstanden rund 3500 Druckplatten, durchschnittlich 34 Farben für jedes Bild. Die Einzelfarben wurden mit professioneller Sorgfalt und von Bild zu Bild verschieden gewählt. Abdrucke der Einzelplatten verschiedener Dekompositionen machen den Eindruck, dass alle Platten durch fotografische Übertragung und chemische Ätzung entstanden. Nur ganz vereinzelt zeigen sich manuelle Korrekturen.
Erhalten sind nur noch wenige Platten. Jean Estrade zeigte mir 1999 eine in Paris, zwei waren 2005 in Warschau ausgestellt. Der Ausdruck gravure sur bois in der Arbeitsbeschreibung heißt wörtlich übersetzt Holzschnitt. Diese Anspielung auf Handarbeit des Künstlers oder seines Graveurs ist aber irreführend. Man könnte hier höchstens von Gravuren auf Holz montiert sprechen. Bei Handarbeit wäre die in allen anderen Reproduktionen entfernte Jahreszahl nicht als 1951 in Bild 46 belassen worden.
Die französische Buchausgabe mit dem französischen Prosatext von Auguste Julien Brizeux aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sechs Teile ohne Bindung. In jeden Canto war lose eine Illustration gelegt. Zuerst erschienen Paradiso I und II, dann Purgatorio, und zuletzt die beiden Bände Inferno, weil das die Spannung der Käufer wachhielt. Eine Justification du Tirage nennt 4765 Exemplare, davon 515 mit Beigaben wie einer weiteren Serie der Bilder.
Die Ausgabe wurde 1960 durch eine Ausstellung der Aquarelle im Musée Galliera, Paris, angekündigt. Für diese Ausstellung veröffentlichte Forêt einen Katalog mit 101 nummerierten Titeln und angeblich 'zugehörigen' Zitaten aus Dantes Werk, aber nur 30 Bildwiedergaben. Deshalb sind Anordnung und Signaturdaten der Aquarelle nicht vollständig dokumentiert. Damals entstand die Tradition, die zwei Drittel der Illustrationen falsch ordnete und deutete. Bild 69 wurde von LES HEURES CLAIRES in Originalgröße reproduziert und kam mit dem irreführenden Titel Les Servantes, Die Dienerinnen, in den Handel. Erst viel später wurde etwas richtiger La Danse, Der Tanz, gebräuchlich.
Der Katalog war auch Prospekt für 33 Luxus-Exemplare, die Forêt mit Originalaquarellen verkaufte. Nach 1963 waren deshalb nur noch wenige der Originale in Ausstellungen oder Auktionen zu sehen.
Die italienische Buchausgabe von 1964 hatte ebenfalls sechs Teile, ordnete die Bilder aber anders an. Ihre im Buch mitgedruckten Titel und Zitate weichen von Forêts Katalog ab. Sie schreibt von 3044 Exemplaren, davon 144 mit Beigaben. Die Verwendung von Bilddrucken aus Paris hatte Herr Reinz aus Köln vermittelt. Seine Provision waren 150 + III Bildserien, die Dalí ihm mit drei Buntstiftfarben signierte.
Die Anzahl gedruckter Dekompositionen ist nicht dokumentiert. Die Justificationen schreiben von Exemplaren mit einer als Beigabe. Es scheint aber eine für jeden von sechs Buchteilen gewesen zu sein. Die sich so ergebende Gesamtauflage über 8000 hätten Holzschnitte keinesfalls durchgestanden!

Französische wie italienische Ausgabe weisen zweierlei Unstimmigkeiten auf: zwischen Titeln und Zitaten, und zwischen diesen beiden und den offensichtlichen Bildinhalten! 8 der 101 französischen und 29 der italienischen Zitate sind anderen Canti entnommen, als der Nummerierung der Bilder und Titel entspräche. Nur 29 französische und 36 italienische Titel und Zitate passen zu den Motiven der ihnen zugeordneten Bilder. Überraschender Weise passen weitere 24 französische und 22 italienische Titel zu anderen als den ihnen zugeordneten Bildern!

Erst 1973 berichtete Dalí in Interviews mit André Parinaud über seine Dante-Episode [PA]. Dies ist die einzige Quelle, die behauptet, eine italienische Regierung habe ihn damals mit den Illustrationen beauftragt. Zwischen 1949 und 1954 hatte Italien tatsächlich viele Regierungen, aber die Presse jener Jahre berichtet von keiner, die von Opposition gegen Dalís Arbeit zu Dante erschüttert worden oder gar über sie gestürzt wäre. Einer der vielen Kultusminister war Professor Gaetano Martino. Ihn nannte der Ausstellungskatalog 1954 noch als Schirmherrn, obwohl er inzwischen Außenminister war.
In demselben Interview weigerte sich Dalí, für die irreführende Anordnung seiner Bilder in den Buchausgaben die Verantwortung zu übernehmen. Er schob sie auf Gala und fügte eine Anekdote hinzu, welche ein lebenslanges, ernsthaftes Studium der Commedia lächerlich macht. 'Soweit werde es mit ihm nie kommen'. [PA. p. 307].

Als aufmerksamem Leser der Commedia ist mir die Unstimmigkeit der französischen Anordnung in einer Ausstellung 1998 sofort aufgefallen. Anfang 1999 ermutigten mich The Dalí Archives, das Problem zu klären, das sie bei der Arbeit am Official Catalog als ein 'quagmire', einen Sumpf, empfunden hatten. Sie hatten die Bilder nach italienischer Ordnung, Titel aber nach der französischen wiedergegeben. Es überraschte mich dann sehr, zu jeder Illustration genau eine Textstelle der Commedia zu finden, die Dalís Bild wörtlich beschreibt!
Diese enge Entsprechung zeigt eine Tabelle www.dante-2000.de/quagmire.pdf in meiner web site. Sie ist durch den Vergleich mit der französischen und italienischen Tradition ergänzt.
Fotos von zwei der montierten Druckplatten aus Kunstharz zeigt www-dante-2000.de/xylograp.pdf mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Bosz.

A. Field (l.) (Photo Everling 1999)
Mein Buch Dante Alighieris's Divine Comedy illustrated by Salvador Dalí - Re-established Correspondence between Text and Images, 2nd edition (2003), ISBN 3-00-011853-5 gibt zu allen 102 Illustrationen das Entstehungsjahr (soweit bekannt), Inhaltszusammenfassungen der Canti und meine genauen Gründe für die Zuordnung zum Text. Hinzu kommen ein Literaturverzeichnis, Zitate aus [PA] und viele ergänzende Abbildungen.
Ähnliche, wenn auch nicht so umfangreiche Richtigstellungen zu zwei Dutzend anderer Illustrationswerke Dalís sind in Salvador Dalí als Autor, Leser und Illustrator, Königshausen & Neumann 2007, ISBN 978-3-8260-3640-8 zusammengestellt. Dort findet sich auch der deutsche Text des Dante-Buches.

[PA] André Parinaud Aveux Inavouables (So wird man Dalí) Paris 1973

© November 2007: www.dante-2000.de

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