Salvador Dalí : Immortalité Tetraédrique du Cube

So lautet der Titel, den Dalí einer Graphik in der Reihe Dix Recettes de l'Immortalité 1973 gab. In seiner Erläuterung zu dieser Graphik begründet der Maler den Titel damit, dass das aus einem Würfel geschnittene Oktaeder mit Hilfe von Tetraedern zum Würfel wiedergeboren wird.


Wie das Oktaeder im Würfel liegt, zeigt die Figur hierneben: Jede der sechs Ecken des Oktaeders liegt in der Mitte einer Würfelfläche, und jede der acht Flächen des Oktaeders ist einer Ecke des Würfels zugewandt. Beide Körper haben zwölf gleich lange Kanten.
  Umgekehrt bilden die Mittelpunkte der acht Flächen des Oktaeders die Ecken eines kleineren Würfels, dessen sechs Seitenflächen den Ecken des Oktaeders zugewandt sind. In diesem Würfel liegt wieder ein Oktaeder, und so fort.
  Außen um den Würfel läßt sich wieder ein Oktaeder denken. So geht die Folge von Körpern nach innen und außen unendlich weiter!

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Die drei von Dalí genannten Körper - sechsflächig aus Quadraten, achtflächig aus Dreiecken und vierflächig aus Dreiecken - bilden zusammen mit dem Zwölfflächner (Dodekaeder) aus Fünfecken und dem Zwanzigflächner (Ikosaeder) aus Dreiecken alle Möglichkeiten, aus regelmäßigen Vielecken (Polygonen) einer Sorte mit lauter gleichlangen Seiten räumliche Körper zu bilden. Sie waren schon Plato bekannt und werden nach ihm die fünf platonischen Polyeder genannt. Auch Dalís Erläuterung schreibt von ihnen und von Keplers Versuch, die Maße der Planetenbahnen mit ineinandergefügten Polyedern und Kugeln zu begründen.
Erst Archimedes hat die aus verschiedenen Sorten regelmäßiger Vielecke gebildeten Körper untersucht. Einen davon kopierte Dalí aus einem alten Buch von Pacioli in seine Graphik. Er passt jedoch nicht zum erläuternden Text.
Um diese Verwechslung aufzuklären, habe ich als Außentitel meines Buchs ISBN 978-3-8260-3640-8 die Figur aus demselben alten Geometriebuch gewählt, welche auch die von Dalís Titel erwähnten Tetraeder zeigt. In ihr ist aber das Oktaeder sehr verborgen. Die Figur nebenan zeigt es deutlicher.
  Ein Grund dafür ist, dass ich nur vier der acht auf Oktaederflächen gesetzten Tetraeder rot eingezeichnet, die anderen vier aber weggelassen habe. Es sollte jedem Betrachter leicht fallen, sie in Gedanken zu ergänzen.
  Bei den roten Linien kann man auch an Gummifäden denken, mit denen das Oktaeder in den Würfel eingehängt ist. Die gezeigten roten Linien bilden für sich allein ein weiteres Tetraeder.

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Sein eigenes Missverständnis muss Dalí später noch beschäftigt haben; denn der Sockel einer Skulptur Gala-Gradiva, die ich kürzlich in einer Ausstellung Der unbekannte Dalí zum ersten Mal sah, ist sichtlich eine etwas berichtigte Darstellung desselben geometrischen Zusammenhangs.
Trotz der schiefen Verzerrung und der Halbierung aller Maße in der Tiefe sind der Würfel und das in ihm liegende Oktaeder unverkennbar! Dass im Oktaeder je zwei gegenüber liegende Ecken durch Stützen verbunden sind, dient wohl ebenso der statischen Festigkeit des Sockels wie die schrägen Streben in den Würfelecken.
Ein Vergleich mit der Figur oben zeigt, dass diese Stützen nicht zu Dalís Thema gehören. Es ist die Ironie seines Missverständnisses, dass die von mir rot angedeuteten Kanten aufgesetzter Tetraeder perfekte Stützen gewesen wären, weil sie die Diagonalen aller Würfelseiten bilden und das Oktaeder im Würfel unverrückbar festhalten.

Photo www.dante-2000.de 2007

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Ein Grund für Dalí, diese scheinbar trockenen geometrischen Überlegungen in den Zusammenhang seiner Dix Recettes aufzunehmen, mag die oben bereits erwähnte Bildung unendlicher Folgen von Körpern gewesen sein; von ihr hat er damals wohl aus derselben Quelle gehört wie von Paciolis Buch. Auch bei dem Épitaphe d'Immortalité spielt die Unendlichkeit und beständige Ähnlichkeit der logarithmischen Spiralen die Hauptrolle; das System Caga y Menja ist ebenso unendlich und hat schon das Kind Salvador fasziniert. Die Immortalité de l'Impérialisme génetique beruht auf der fast unendlichen Fortpflanzung mit Hilfe der eben entdeckten Gene; sogar der Begriff erblicher Monarchie in der Immortalité stéréoskopique et stéréochimique de la monarchie stützt sich auf sie.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Skulptur den Würfel als Träger einer engelhaften, also unsterblichen Gestalt benutzt.
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